Vera Tollmann

City Browsing (5) Wieder mal in Berlin

erschienen in: Die Planung/A Terv, No. 25, 2011, hrsg. Sandra Bartoli, Martin Conrads, Silvan Linden, Levente Polyák und Katarina Šević, Berlin/Budapest 2007
Die Planung / A Terv (“The Planning”) is a publication project for the utilization of the future, now.

Als Mo Brainard und ich aus dem BBI-Terminal herauskamen, nahmen wir ein Taxi. Ich sagte „Stadtplatz OSW“ zum Fahrer und es ging los. Als das Taxi anhielt und der Fahrer in der Nähe der Wilhelminenhof- und Reinbeckstraße drehte, waren ein 24-7, ein Udon-Imbiss und ein „El Bulli’s Restaurant“ alles, was ich sehen konnte. Ich fragte: „Wo sind wir?“, und der Fahrer sagte: „Stadtplatz OSW“. Eigentlich kannte ich mich ganz gut aus, ich war bei der Eröffnung vor zwei Jahren gewesen, als das Museum für Moderne Kunst und die Stronzek als erste aus ihren Sammlungen zeigten. Ich gab dem Fahrer eine Menge Trinkgeld, obwohl die verschrammten Samsonites etwas anderes sagten, und wir stiegen aus. Wir hatten nicht viel Geld; und auch wenn wir es nicht wussten, waren wir nur einen Block vom Apartment unseres Freundes Merlin Vonrát entfernt. Gleich an unserem ersten Abend in Berlin gab es Sturmwarnungen und dann kam der Sturm schon auf. Eine der ersten Böen riss ein blinkendes LED-Schild herunter, auf dem „柏林朝 this way“ stand. Genau da wollten wir hin, 柏林朝, die erste chinesische Galerie, die sich auf das „Abenteuer Germany“ eingelassen hat. Beim Hineingehen nicken wir dem Türsteher kurz zu. Drinnen sind viele Leute, die viele Sprachen sprechen. An Flipcharts hängen Digiprints aus dem Archiv der Konzeptkünstlerin Kathrin Erdal. Fotos, mit denen sie Chinas neues Image auf den Punkt bringt, etwa Pressefotos von chinesischen Soldaten im Einsatz in Uganda, Gated Communities aus Fantasy-Schlössern, das olympische Village als elitäres World College.

Auf einmal wedelte ein Typ mit dem Frotteegürtel seines Pressecapes durch die Luft, es war Vonrát, von dem ich beim näher kommen erfuhr, er sei gerade von einem 14-Jährigen in den Autoaufzug gedrückt, seiner Kreditchips beraubt und retour mit einem Phony zurückgeblieben. Die Geschichte machte ihn irgendwie zufrieden – mir war sofort klar, dass er seinen Opener fürs vblog erlebt hatte. Im Telefonbuch wählte er die Nummer vom Hoovershuttle, auf dem wir wenige Minuten später schon Richtung Mitte fuhren. Erst schwappten die Motel-Pontons links und rechts am Ufer auf den Wellen unseres Bootes, dann blinkten die Histories of the World-Pixelcollagen von Ahmad Shan in die Nacht. Ab und zu tauchte die manische Werbeaktion für die letzten 30 Tage der Flux-Collection auf.

Der Shuttle stoppt am neusten Off-Space, einer selbst gezimmerten Hütte aus recyceltem Plastik, Stroh und Ziegeln kurz vorm alten Ostbahnhof, die direkt ans Ufer gebaut ist. Die Bungalowhütte heißt „mytong“, und heute Abend läuft ein Performanceprogramm auf dem Flachdach. Drei junge Künstlerinnen in Overalls halten Megaphone in der Hand und lesen Richmans Manifest gegen den postkapitalistischen Realismus. Sie sagen, was in OSW und Tempelhof (Christie’s Kunstmall) keiner zugibt: Galeristen, Künstler, Sammler, einfach alle haben Job, Nebenjob und Gelegenheitsjob, sind außerdem Taxiboten, e-Händler, Privatköche – wundert mich nicht. Sogar CBA konnte sich vor kurzem Jonas Semel nicht mehr leisten. Zur Krise kam es, weil einigen Sammlern der Output des Künstlers suspekt wurde – Semel hatte ein Double.

Dann waren wir unterwegs zur PC-Foundation. Dort war die ganze Halle mit politischen Zeichen der 90er Jahre voll gestellt: Grünen-Bündnis90-Plakat von Anfang 1990, „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“, NOlympia-Batches, ein Schild „Militärische Sperrzone“, kopierte Flyer mit Hotlines, Pochoirs, „Realize social exchange and participation“. Exakt, Berlin gibt die Kunst nicht an Leisure Centres und Themenparks ab.

Vonrát hatte sich schon auf den Weg gemacht um die TV-Streams nach Berichten über die Eröffnungen abzusuchen. Als ich an seinem Apartment ankam, war er schon wieder unterwegs. In dem Moment fiel mir auf, dass ich vergessen hatte, ihm das Paket zu geben, das ich den ganzen Abend mit mir herumtrug. Darin war das Poster „The Future is Stupid“ von Minnie Zollner. Ich legte es auf seine Fußmatte, auf der stand: „traces of the future“.